100 Jahre Seenotrufzeichen «SOS»

Dichter Nebel herrschte am 10. Juni 1909 vor der Azoren-Insel Flores im Atlantik, rund 1500 Kilometer westlich von Europa. Nur mehrere hundert Meter entfernt von der Küste fährt das Auswandererschiff «Slavonia» (10 606 Bruttoregistertonnen), auf der Überfahrt von Triest nach New York. Wegen der schlechten Sicht rammt das britische Passagierschiff die Klippen; noch bevor es sinkt, werden alle Passagiere von der Inselbevölkerung gerettet. Kurz zuvor konnte der Ozeandampfer jedoch noch das Funksignal «SOS» absetzen - damit war die «Slavonia» das erste Schiff, das das internationale Seenotrufzeichen ausgesandt hatte. An diesem 3. Oktober wird das Notrufzeichen 100 Jahre alt.

«Die Tonfolge 'SOS' stammt noch aus dem Morsealphabet», erläutert der Leiter der Seenotleitung Bremen der «Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger» (DGzRS), Dirk Hinners-Stommel. Damals - kurz nach der Jahrhundertwende - gab es einen erbitterten Wettbewerb der Funksystemhersteller. Der Konkurrenzkampf ging so weit, dass es Schiffsfunkern zum Teil verboten war, auf Funksignale und Notrufe zu antworten, wenn diese nicht vom eigenen System stammten.

Um diesen Zustand zu beenden, der Menschenleben und Schiffe weltweit gefährdete, wurde am 3. Oktober 1906 auf der Internationalen Seefunkkonferenz in Berlin das Morsezeichen «S-O-S» (drei Mal kurz - drei Mal lang - drei Mal kurz) als internationales Notrufzeichen vereinbart. Insgesamt 27 Nationen ratifizierten später den Seefunkvertrag. «Gewählt wurden diese drei Buchstaben wegen ihres prägnanten Rhythmus' und ihrer Eindeutigkeit», schildert Hinners- Stommel. SOS als Kurzform von «Save our Souls» oder «Save our Ship» wurde erst später vom Volksmund in die Abkürzung hineininterpretiert.

Die verbesserte Verkehrssicherheit auf den Seestraßen, moderne Schiffstechnik und eine weiter fortschreitende Satellitenfunktechnik sowie die Einführung des internationalen Notrufes «Mayday, Mayday» im Sprechfunk machten das alte Seenotrufzeichen «SOS» zunehmend überflüssig. Vor allem mit dem weltweiten Seenot- und Sicherheitsfunksystem GMDSS im Jahr 1999 verlor das Notrufzeichen endgültig seine Bedeutung. «Mit dem 'Global Maritime Distress and Safety System' wurde unter anderem modernste Satellitentechnik eingesetzt, damit Rettungsleitstellen in kürzester Zeit an Land über einen Seenotfall unterrichtet werden und schnell Kontakt mit einem Havaristen aufnehmen können», sagt Hinners-Stommel. «Fracht- und Handelsschiffe ab 300 BRZ (Bruttoraumzahl) müssen seit 1999 mit GMDSS ausgestattet sein», erläutert der Experte. Sportboote fallen nicht unter diese Vorschrift. Nach den Worten von Hinners-Stommel wird daher der UKW-Kanal 16 als Sprechfunknotfrequenz

(«Mayday») weiterhin überwacht, «obwohl 2005 die Verpflichtung zur permanenten Hörwache auf diesen Frequenzen aufgehoben wurde». Die meisten Staaten - darunter auch Deutschland - nutzen noch immer dieses Signal. «Vor allem für die 40 000 bis 50 000 Sportboote ist dieser Notruf wichtig, weil GMDSS für die meisten zu teuer ist», schildert Hinners-Stommel. «Die DGzRS hat eine Küstenfunkstelle, die Tag und Nacht besetzt ist und sich um diese Notrufe kümmert».

Die DGzRS mit Sitz in Bremen ist zuständig für den maritimen Such- und Rettungsdienst im Seenotfall. Die Organisation, die sich aus Spenden und freiwilligen Zuwendungen finanziert, verfügt über 61 Rettungseinheiten sowie 54 Stationen. 20 Rettungskreuzer sind 365 Tage im Jahr besetzt und können rund um die Uhr innerhalb weniger Minuten auslaufen. Dazu kommen kleinere Einheiten wie rund 40 Rettungsboote. Rund 2000 Einsätze fahren die Mitarbeiter jedes Jahr in Nord- und Ostsee.

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