BSH sieht wachsende Bedeutung maritimer Daten für Verteidigung und Klima

Das vergangene Jahr habe deutlich gemacht, wie eng Energiepolitik, Sicherheit, technologische Innovationen und der Zustand der Meere miteinander verknüpft sind, erklärte BSH-Präsident Helge Heegewaldt auf der Jahrespressekonferenz der maritimen Behörde (Foto: Prellwitz / DVV Media Group)
Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) hat auf seiner Jahrespressekonferenz die wachsende Bedeutung von Meeren und Schifffahrt für zentrale gesellschaftliche und sicherheitspolitische Herausforderungen hervorgehoben. Themen wie Klimawandel, Energiewende, der Schutz kritischer Infrastruktur sowie Fragen der Versorgungs- und Bündnissicherheit rücken zunehmend in den Fokus.
BSH-Präsident Helge Heegewaldt betonte, verlässliche Informationen über die Meere seien essenziell, gerade vor dem Hintergrund der aktuellen sicherheitspolitischen Lage, die ihre Bedeutung mehr denn je unterstreiche. Das vergangene Jahr habe deutlich gemacht, wie eng Energiepolitik, Sicherheit, technologische Innovationen und der Zustand der Meere miteinander verknüpft sind.
Ein zentrales Thema ist die Rolle der Nordsee für die europäische Energieversorgung. Beim dritten Nordseegipfel im Januar bekräftigten die Anrainerstaaten ihre ambitionierten Ausbauziele für Offshore-Windenergie. Bis 2050 sollen 300 GW Leistung installiert werden, rund ein Drittel davon in grenzüberschreitenden Projekten. Offshore-Windenergie sei ein zentraler Baustein für bezahlbare, saubere und sichere Energie, erklärte Heegewaldt, und stärke insbesondere in geopolitisch herausfordernden Zeiten die Resilienz Europas.
Ein erstes Abkommen zwischen Deutschland und Dänemark sieht vor, dass Deutschland künftig 2 GW dänische Offshore-Windenergie bezieht. Nach Einschätzung des BSH birgt insbesondere die stärkere Vernetzung von Windparks erhebliche Effizienzpotenziale. Durch Kooperation lasse sich Strom deutlich effektiver erzeugen und nutzen, so der Behördenchef.
Auch auf nationaler Ebene schreitet der Ausbau voran. Seit 2010 ist die installierte Offshore-Leistung in Deutschland von 0,06 auf 10,2 GW gestiegen. Bis 2045 werden 70 GW angestrebt, wobei das Zwischenziel von 40 GW möglicherweise bereits 2034 übertroffen wird. Voraussetzung dafür sind aus Sicht des BSH klare Prioritäten sowie eine bessere Abstimmung zwischen Klimaschutz, Naturschutz und anderen Nutzungen auf See.
Neben der Energiewende standen technologische Entwicklungen im Fokus der Pressekonferenz. Autonome und ferngesteuerte Systeme werden zunehmend im Offshore-Bereich eingesetzt, etwa zur Vermessung des Meeresbodens, zur Überwachung von Kabeln oder zur Detektion von Altmunition. Mit dem geplanten Maritime Autonomous Surface Ships (MASS)-Code der International Maritime Organization (IMO) soll erstmals ein globales Regelwerk für autonome Schiffe entstehen. Solche Systeme seien bereits heute im Einsatz – sowohl auf als auch unter Wasser, erklärte Heegewaldt.
Vor dem Hintergrund der veränderten geopolitischen Lage hebt das BSH zudem die sicherheitspolitische Relevanz seiner Daten hervor. Hydrographische und ozeanographische Informationen seien unverzichtbar für Lagebilder und operative Entscheidungen der Marine. Die Daten dienten somit nicht nur der zivilen Schifffahrt, sondern bildeten auch eine zentrale Grundlage für die Landes- und Bündnisverteidigung.
Mit Initiativen wie OceanEye will Europa die Ozeanbeobachtung mit der Erstellung eines digitalen Zwillings des Ozeans bis 2030 stärken und bestehende Datenlücken schließen. Das BSH stellt hierfür umfangreiche Datensätze bereit und speist sie unter anderem in europäische Systeme wie Copernicus ein. Parallel dazu baut Deutschland sein Engagement im internationalen Argo-Programm weiter aus, um die Klimaforschung in den Ozeanen zu verbessern. Ziel sei es, Datenlücken zu schließen und den Zustand der Meere künftig nahezu in Echtzeit zu erfassen, so Heegewaldt.
Eine weitere Herausforderung sind zunehmende Störungen satellitengestützter Navigation, insbesondere in der Ostsee. Unter der Leitung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) arbeitet das BSH daher an alternativen Systemen wie dem sogenannten R-Mode, der Positionsbestimmungen auch ohne Satellitendaten ermöglicht. Grundsätzlich dürfe Navigation nie nur von einem einzigen System abhängen, betonte Heegewaldt.
Auch bei digitalen Seekarten steht ein grundlegender Wandel bevor: Der neue S-100-Standard schafft ein vernetztes System, das deutlich mehr Echtzeitdaten integriert und so die Sicherheit auf See erhöht. Erste Anwendungen sind bereits im Einsatz. Der Übergang zur nächsten Generation digitaler Seekarten werde die maritime Sicherheit spürbar verbessern, so der BSH-Präsident.
Klimadaten des BSH zeigen zudem eine deutliche Erwärmung der Meere. Die Nordsee erreichte 2025 mit durchschnittlich 11,6 °C einen neuen Höchstwert, und auch die Ostsee verzeichnete eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen. Diese Entwicklung bestätige, dass sich beide Meere in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erwärmt haben, erklärte Heegewaldt. Gleichzeitig habe der Eiswinter 2025/2026 mit Eisdicken von bis zu 80 cm gezeigt, dass extreme Kälteereignisse weiterhin möglich bleiben.
Trotz einer vergleichsweise ruhigen Sturmflutsaison warnt das BSH vor steigenden Risiken durch den Meeresspiegelanstieg. Seit 1900 ist der Pegel in Cuxhaven bereits um 25 cm gestiegen und könnte bis 2100 um mehr als 1 m zunehmen – mit entsprechenden Folgen für den Küstenschutz. Aufgabe des BSH sei es, Veränderungen frühzeitig sichtbar zu machen und damit eine fundierte Grundlage für politische Entscheidungen zu liefern, so Heegewaldt.