Hamburger erforschen "Estonia"-Untergang

In regelmäßigem Takt schlagen Wellen gegen den Schiffsbug, tack, tack. Nach einer Weile beginnt das Schiff zu rollen, sich von einer Seite zur anderen zu wiegen, immer stärker, immer steiler, bis es schließlich kippt. Zwei Minuten später ist es untergegangen. Doch niemand war an Bord: Das Schiff ist ein Modell, die wogende See wurde im Wellenbecken der Hamburgischen Schiffbau- Versuchsanstalt (HSVA) künstlich erzeugt. Es ist nur eine Videoaufzeichnung, die helfen soll, wahre Schiffsunglücke zu erklären.

Wie das der «Estonia». Die Ostsee-Fähre sank in der Nacht vom 27. auf den 28. September 1994 auf dem Weg von der estnischen Hauptstadt Tallinn ins schwedische Stockholm. 852 Menschen starben, nur 137 wurden gerettet. Das schlimmste Unglück der europäischen Schifffahrt seit dem Zweiten Weltkrieg. Wie die «Estonia» sank und warum - diese Fragen sind bis heute nicht vollständig beantwortet. Schiffbau-Experten rollen den Fall im Auftrag der schwedischen Regierung jetzt erneut auf. Darunter auch Ingenieure der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TU Harburg) und der HSVA. Leiter des Projekts ist Petri Valanto von der HSVA.

«Wir modellieren die Prozesse nummerisch am Computer», erklärt der 48-jährige Ingenieur. Dazu arbeitet sein Team die Zeugenaussagen durch und prüft dann mit Hilfe der Simulationen verschiedene Szenarien. «Wenn die Physik nicht zu den Tatsachen passt, verwerfen wir das Szenario», sagt er. Eine parallele Forschungsgruppe aus Schweden rekonstruiert den Untergang mit Hilfe von Modellen. Die Untersuchungen begannen in diesem Frühjahr, mit Ergebnissen rechnet Valanto frühestens im April 2008.

Nach dem Unglück, bei dem auch fünf Deutsche starben, brodelte die Gerüchteküche. Warum wurde das Schiff, das in 80 Meter Tiefe in der Ostsee liegt, nie gehoben, wie die schwedische Regierung zunächst versprochen hatte? Wer hat Interesse daran, dass Tauchgänge zum Wrack verboten sind? Wer wusste von dem Transport von geheimem Militärmaterial auf der Fähre, der erst vor kurzem bekannt wurde? Wieso wurden viele Unglücksursachen bislang nie in Erwägung gezogen?

«Ich habe mit Leuten der Untersuchungskommission gesprochen und es riecht danach, dass man sich relativ schnell auf ein Szenario festgelegt hat», sagt Stefan Krüger, Professor für Schiffbau und Schiffssicherheit an der TU Harburg. «Wir werden jetzt aber völlig unvoreingenommen an die Sache herangehen.» Die Computertechnik habe in den vergangenen zehn Jahren große Fortschritte gemacht. Vielleicht bringt das neue Erkenntnisse.

Eine ganze Reihe von Mängeln bei der «Estonia» stehen schon fest. Gebaut war die Fähre eigentlich für die Küstenschifffahrt, mehr als 20 Seemeilen hätte sie gar nicht auf offenes Gewässer hinausfahren dürfen. «Mit schnellen Fahrten bei hohem Seegang kann man ein Schiff relativ rasch kaputt fahren», erzählt Krüger. Und: «Sie war unzureichend gewartet.» Möglicherweise habe die Crew sogar das Bugvisier mit Matratzen abgedichtet.

Ob das Visier wirklich abgerissen war oder nur undicht, ob der Schiffsbauch ein Loch hatte - alles ungewiss. Tatsache ist, dass die «Estonia» in rund 30 Minuten sank - so schnell, dass nur wenige Menschen sich retten konnten. Viele Passagiere wurden im Schlaf überrascht, sie flüchteten oft leicht bekleidet oder ganz nackt aus der bereits extrem schräg liegenden Fähre. Nur die Stärksten überlebten bei Sturm und Kälte das stundenlange Warten auf Rettungshubschrauber und benachbarte Schiffe - ein Großteil der Überlebenden sind Männer zwischen 20 und 40. Unterstützt vom Schiffssicherheitsunternehmen TraffGo simuliert Valantos Forschungstrupp auch die Evakuierung.

Hätten mehr Menschen gerettet werden können? Gerade um diese Erkenntnisse geht es Professor Krüger. Er will mehr Sicherheit in der Schifffahrt. «Ich habe keinen Maulkorb, wenn ich Vorschriften finde, die nicht vernünftig sind, dann werde ich sie kritisieren», sagt der 42-Jährige. Juristische Schuld interessiert die Forscher nicht.

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